Tumorpatienten sind hohen körperlichen und seelischen Belastungen ausgesetzt. Daher erscheint es auf den ersten Blick nicht einleuchtend, den Erkrankten durch körperliche Betätigung noch mehr zu fordern. Trotzdem ist ein positiver Effekt bei sportlicher Betätigung erwiesen.
Wenn schon Menschen mit einer gewöhnlichen Erkältung oder einer Grippe abgeraten wird, sich im Kraftraum zu quälen oder zu joggen, warum sollte dies nicht sowieso für Tumorpatienten gelten? Bei einer Krebserkrankung stellen sich häufig chronische Entzündungen ein, die den Eisenhaushalt und die Funktion der Muskeln beeinträchtigen. Hinzu kommen oft noch weitere Beschwerden wie eine verminderte Blutbildung und Organschäden an Herz oder Lunge. In der Summe untermauern diese Beeinträchtigungen die Vorstellung, dass Tumorpatienten sich passiv in ihr therapeutisches Schicksal ergeben sollten. Hinter dieser Strategie lauert aber die Gefahr, dass die entkräftende Wirkung von Krankheit und Behandlung nicht gebremst, sondern durch fehlende körperliche Betätigung verstärkt wird.
Wie auch beim gesunden Menschen führt die übermäßige Schonung aufgrund fehlender Stimulierung zum Abbau von Muskelmasse. Auch Herz und Lunge stoßen schneller an ihre Leistungsgrenze. Der Patient ermüdet noch früher und fühlt sich selbst von leichten Alltagsaufgaben überfordert. So beschleunigt sich der Leistungsverlust weiter - ein Teufelskreis, der bis zu einem Erschöpfungssyndrom führen kann. Zur verringerten körperlichen Belastbarkeit gesellen sich dann weitere Beschwerden. Gedächtnis und Konzentration sowie die psychische Antriebskraft lassen nach. Ein Erschöpfungssyndrom tritt bei etwa 80 Prozent der Tumorkranken während der Therapie und bei 30 Prozent nach deren Abschluss auf. Im Laufe der letzten Jahre setzte sich daher die Erkenntnis durch, dass Tumorpatienten zu sportlicher Betätigung ermutigt werden müssen. Es ist erwiesen, dass Bewegung und Krafttraining sich nicht negativ auswirken. Sport hebt die Laune und gibt dem Kranken das berechtigte Gefühl, aktiv am Genesungsprozess mitzuwirken. Mehr Kraft und Lebensmut bedeuten auch mehr Widerstandswille gegen die Belastungen in Strahlen- und Chemotherapie. Studien zeigen, dass Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schlafstörungen und Schmerzen nachlassen.
Jeder Patient ist anders. Auch werden verschiedene Tumorerkrankungen unterschiedlich therapiert. Genauso sollte ein begleitendes Trainingsprogramm individuell angepasst werden. Wenn möglich sollte der Patient mehrmals wöchentlich 30-45 Minuten trainieren. Ist die Belastung zu hoch, kann eine Trainingseinheit auch in kürzere Intervalle unterteilt werden, um eine Eingewöhnung zu ermöglichen. Welche Sportarten der Patient ausübt, hängt von seinen persönlichen Vorlieben und vor allem von seiner körperlichen Konstitution ab. Joggen, Radfahren und Gymnastik sind gut geeignet, da sie Ausdauer und Kraft gleichzeitig trainieren. Aber auch Ballsport ist möglich. Für Patienten mit eingeschränkter Mobilität bietet sich ein Krafttraining mit geringer Intensität an, um die Muskelkoordination zu verbessern. In manchen Fällen ist kein Sport erlaubt, so zum Beispiel bei einer ausgeprägten Thrombopenie, einem Mangel an Blutblättchen, oder bei neu auftretenden Beschwerden, deren Verlauf noch schwer kalkulierbar ist. In der Chemotherapie kommen Medikamente zum Einsatz, die potentiell herz- und nierenschädigend sind. Daher sollte erst einige Tage nach der Einnahme das Training wieder aufgenommen werden.