Helga P., Teilnehmerin der Fotoaktion "Trotzdem!"

22.05.2006

Alles fing vor etwa drei Jahren unter der Dusche an, als die damals 44-jährige Helga P. einen Knoten in der rechten Brust entdeckte. Sie ging umgehend zu ihrem Gynäkologen, der sie zur Mammographie und Sonographie schickte. Man fand jedoch nichts Auffälliges. Auch bei den folgenden, vierteljährlichen Kontrolluntersuchungen wurde bis auf eine Zyste nichts Auffälliges festgestellt. Helga P. empfand diese allerdings nicht als besorgniserregend – man sagte ihr, es bestehe kein Grund zur Panik.

Deshalb ging sie im Oktober 2003 unbesorgt zu ihrer nächsten Kontrolle. Doch nach der Untersuchung, ausgerechnet an ihrem 17. Hochzeitstag, erreichte sie die schreckliche Diagnose: Ein Tumor, Hormon-abhängig, bösartig, mit invasivem Wachstum. Die Nachricht traf sie völlig unerwartet. Der Arzt setzte sofort einen Operationstermin an, doch Helga P. war nicht in der Verfassung, Entscheidungen zu treffen. Für sie kam dies einem Todesurteil gleich. Da sie selbst Medizinerin ist, kannte sie die Statistiken und die Prognosen, die nicht nur positiv waren. Dieses Wissen empfand sie damals als sehr bedrückend. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer ältesten Tochter entschied sie, sich Brust erhaltend operieren zu lassen. Doch der schlimmste und für sie beängstigendste Teil des langen Behandlungsweges stand ihr noch bevor. Sie fürchtete sich vor der Chemotherapie, vor allem vor den Nebenwirkungen. Viele Fragen schossen ihr durch den Kopf - würde sie sich verändern? Daran sterben? Was würde dann aus ihrer Familie werden? Fragen, auf die ihr niemand Antwort geben konnte.

 

Sie absolvierte vier von sechs vorgesehenen Chemotherapien. Sie verliefen besser als erwartet, die Übelkeit hielt sich in Grenzen. Trotzdem ging es Helga P. sehr schlecht und sie fühlte sich elend. Zum Jahreswechsel verreiste sie mit ihrem Mann. Sie fühlte sich noch müde und von der Behandlung geschwächt, als sie am Silvestermorgen erwachte und sich über die Stirn strich - und dabei plötzlich merkte, dass sie ein ganzes Büschel Haare in der Hand hielt. Obwohl sie von den Begleiterscheinungen der Chemotherapie wusste, empfand sie dieses Ereignis als traumatisch und belastend. In jenem Augenblick wurde ihr bewusst, was man durch ihren Körper fließen ließ. Für Helga P. fühlte es sich so an, als würden die ihren Körper formenden Zellen in ihre Einzelteile zerfallen. Sie wusste zwar, dass das "Gift" den Tumor abtöten würde, aber es würde auch viele gesunde Zellen schädigen. Zurück von ihrer Reise, schlossen sich Helga P. und ihr Mann ins Badezimmer ein und er rasierte ihr den Kopf. Beide lagen sich danach lange unter Tränen in den Armen. Ihr Mann war es jedoch auch, der Helga P. immer wieder aufzubauen versuchte, ihr stets sagte, wie viel Frau sie immer noch für ihn sei und wie sexy er sie finde. Daraus schöpfte sie Kraft. Er war ihr Fels in der Brandung, tröstete und unterstützte sie, wenn sie vor Angst nicht schlafen konnte und ohne Hoffnung war. Trotzdem wollte sie nicht jeden Tag in ihr kahles Spiegelbild blicken müssen: Sie trug eine Perücke und besuchte einen Schminkkurs für Krebspatientinnen.

Die ersten Monate waren sehr hart für Helga P., die Gespräche drehten sich fast ausschließlich um das eine Thema. Sie suchte in Gedanken schon eine neue Frau für ihren Mann aus - ihm und den Kindern sollte es nach ihrem Tod doch gut gehen. Erst mit psychologischer Unterstützung, mit entspannenden Maßnahmen wie Meditation und dank der Hartnäckigkeit ihrer besten Freundin, die sie zum gemeinsamen Nordic-Walking drängte, fühlte sie sich langsam besser.

Heute, nach fast zwei Jahren, geht es ihr gut. Seit Abschluss der Chemo- und der Strahlentherapie erhält sie eine Anti-Hormon-Therapie mit einem Aromatasehemmer, um die Bildung neuer Metastasen zu unterbinden.

Helga P. weiß, dass sie Glück hatte. Die Krankheit hat letztendlich ihre Familie noch fester zusammengeschweißt, Freunde haben sich abwechselnd um Haushalt und Kinder gekümmert. Ihre Gemeinschaftspraxis mit anderen Medizinern indes hat den Krebs nicht überdauert und wurde aufgelöst.

Eine unterschwellige Angst vor einem erneuten Befall ist immer da, doch Helga P. versucht, ihrem Krankheitsweg auch etwas Gutes abzugewinnen. Im Juli hat sie ihre eigene Praxis eröffnet und ist dort sehr glücklich. Sie kennt heute ihre Grenzen und hat neue Schwerpunkte in ihrem Leben gesetzt. Sie hat verstanden, dass sie nicht unverwundbar ist und auch mal „nein" sagen muss. Und noch eine für sie wichtige Erkenntnis hat Helga P. hinzugewonnen: Sie, die damals als Ärztin den Patienten stets ihr Verständnis zugesichert hatte, weiß heute selbst, welches Gefühl sich ausbreitet, wenn man Todesängste hat.


"Es geht weiter!" wurde ausgerechnet in dieser schweren Zeit zu ihrem Lebensmotto.

 

 

Autor: bsmo
Stand: 22-05-2006


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