Es war im Urlaub, als Sabine F., gerade 33 Jahre alt, eine Verhärtung in der rechten Brust ertastete. Für die junge Frau brach eine Welt zusammen. Sollte das nun auch für sie das Todesurteil bedeuten? Sie hatte doch schon einige Freunde und Verwandte an Krebs sterben sehen.
Das wäre bereits der zweite große Schicksalsschlag in ihrem Leben. Als 20-jährige wurde sie auf einem Zebrastreifen von einem Auto überfahren. Durch unterlassene Untersuchungen und eine falsche Behandlung hatte Sabine F. bereits mit großen körperlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen.
Ihre Gynäkologin war sehr besorgt und vereinbarte sofort einen Untersuchungstermin beim Radiologen. Nach der Ultraschalluntersuchung und einer Kernspintomografie hatte Sabine F. traurige Gewissheit: Mammakarzinom, Hormonrezeptor-positiv, fortgeschritte-nes Stadium. Die Ärztin empfahl, die Operation in einer Uniklinik vornehmen zu lassen. Sowohl die Klinik im Allgemeinen, als auch die Ärzte, Schwestern und Pfleger empfand Sabine F. als sehr angenehm. Mit Verständnis, Einfühlungsvermögen und sehr viel Geduld wurde ihr die Vorgehensweise der Operation erklärt. Die Ärzte hatten stets Zeit für ihre Fragen, sie fühlte sich gut aufgehoben und verstanden. Sie konnte nicht Brust erhaltend operiert werden - der Tumor war bereits zu groß. Man schlug ihr vor, die Brust nach der Amputation mit Silikonprothesen wieder aufzubauen. Die Operation verlief problemlos und Sabine F. war von dem Ergebnis positiv überrascht. Nach zwei Wochen begann sie mit der Chemotherapie, die zwar nicht nötig, zur Prophylaxe jedoch für Sabine F. wichtig war.
Heute weiß sie, dass sie die Chemotherapie nur deshalb so gut vertrug, weil sie sich stets vorstellte, dass diese giftgrüne Flüssigkeit jede Krebszelle erreicht und zerstört. Sie wollte sich nicht kleinkriegen lassen, sagte sich immer wieder: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz." Nach ein paar Monaten jedoch hatte sich in der neuen Brust, die sich plötzlich fast immer kalt und hart anfühlte, eine Kapselfibrose gebildet. Ihre Gynäkologin empfahl ihr einen sehr guten plastischen Chirurgen, der ihre Brust mit Eigengewebe aufbaute.
Im zweiten Jahr nach der Diagnosestellung wurde bei einer erneuten Kernspinuntersuchung in der gesunden linken Brust ein Karzinom festgestellt. Schockiert und fassungslos über die Auswertung wollte Sabine F. eine zweite Meinung hören und fuhr in das Krankenhaus, in dem ihre Brust aufgebaut worden war. Dort wurde festgestellt, dass sich der vorherige Radiologe geirrt hatte. Wie schon damals bei ihrem Unfall hatte sie das Vertrauen in die Ärzte an ihrem Heimatort verloren. Sie blieb in der von ihr ausgesuchten Klinik und ließ dort alle weiteren radiologischen Untersuchungen durchführen. Während des fünfjährigen Nachsorgeprogramms wurden neue Rezidive festgestellt - Befall der Lymphknoten in der Axilla und ein Lymphkarzinom in der rechten Ellenbeuge. Sabine F. konnte jedoch aufatmen. Der Befall der Lymphknoten stellte sich als gutartig heraus und das "Lymphkarzinom" erwies sich als eine Thrombose.
Durch all diese aufwühlenden Ereignisse, die körperlichen Beeinträchtigungen, durch ihr Singleleben und die fehlende Unterstützung durch ihre Familie, die sich scheute, mit ihr über ihre Erkrankung zu reden, bekam Sabine F. schwere Depressionen und Persönlichkeitsstörungen. Ihre Psychologin empfahl ihr schließlich ein Haustier und sie bekam den zehn Wochen alten Labrador-Collie-Mix "Sutu". Liebevoll zog sie ihn groß und er gab ihr all das, was sie seit Jahren vermisst hatte - er ist immer da, hört ihr zu, tröstet sie, passt auf sie auf und ist ihr einfach ein wahrer Freund.
Doch Sabine F. hatte ihren langen Krankheitsweg noch nicht beendet. Im September 2003 entdeckte sie zwei Knoten in ihrer aufgebauten Brust. Gleich am nächsten Tag ging sie ins Krankenhaus und wurde operiert. Schon nachmittags zeigte der histologische Befund, dass sie ein Rezidiv hatte. Der gleiche Tumor wie 1996. Er wurde damals nicht vollständig herausoperiert und selbst die Chemotherapie hatte ihn nicht ganz abtöten können. Das Senologische Zentrum in ihrem Krankenhaus empfahl eine 29-malige Bestrahlung und die Behandlung mit Tamoxifen. Da Sabine F. sich von einem Arzt außerhalb der Stadt behandeln lassen wollte, musste sie erst einige formelle Schwierigkeiten überwinden, bis man ihr einen in Frage kommenden Arzt nannte.
Es war nicht einfach für sie, einen Onkologen zu finden, der ihre Ablehnung einer Bestrahlung und der Tamoxifeneinnahme verstand und anstelle dessen eine Chemotherapie durchführte. Vor der Therapie ließ sie sich die Eierstöcke entfernen, damit der Hormon-abhängige Tumor aufgrund des Östrogens nicht noch mehr wachsen konnte. Die Chemotherapie begann im Januar 2004 und diesmal waren ihre psychischen und physischen Reaktionen im Vergleich zur ersten Therapie sehr unterschiedlich. Sie wusste, dass ihre seelische Verfassung entscheidend zu ihrem gesamten Befinden während der Therapie beitragen würde. Mit Hilfe eines stationären Aufenthalts in einer Fachklinik für Psychotherapie überstand sie schließlich die Behandlung.
Leider ließ die nächste schreckliche Nachricht nicht lange auf sich warten und Sabine F. hatte kaum Zeit, zur Ruhe zu kommen. Schockiert erfuhr sie das Ergebnis der ersten Nachsorgeuntersuchung: Beidseitiges Lungenkarzinom. Zur Sicherheit fuhr sie in die alte Klinik zurück und erneute Untersuchungen gaben Entwarnung. Es war nichts zu sehen. Die Aufregung, der Schock, die Angst - all das hatte sie wieder durchleben müssen. Sabine F. fragt sich heute noch, wie sie bei diesem Chaos und der seelischen Belastung die Nerven behalten konnte.
Im September 2004 bekam sie plötzlich Schmerzen in ihrer operierten Brust. Der plastische Chirurg sagte, es könne eine Zerrung des Latissimus sein, mit dem ihre Brust damals aufgebaut wurde. Bei ihrer zweiten Nachsorge empfahl man ihr, gleich ins Klinikum zu gehen und die Schmerzen in der Brust abklären lassen. Doch dort wollte man sie nicht ambulant untersuchen, da man so etwas nicht mit der Krankenkasse abrechnen könne. Erst als die Ärztin erfuhr, dass Sabine F. einen Brustaufbau mit Eigengewebe hat, war sie als Anschauungsobjekt willkommen. Beim Ultraschall jedoch erklärte man ihr, man hätte so etwas noch nie operiert gesehen und könne daher auch nicht sagen, ob alles in Ordnung sei oder aber ein krankhafter Befund vorliege. Eine Woche später wurde eine Kernspintomografie von beiden Brüsten gemacht, mit dem Ergebnis, dass alles in Ordnung sei. Nach 14 Tagen jedoch der erneute Rückschlag. Eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter ließ sie wissen, dass es doch Probleme gäbe. Bei ihrem Rückruf erfuhr sie, dass sie Metastasen in der 5. Rippe hatte. Sabine F. wollte das einfach nicht glauben. Wieder eine OP, man müsste einen Teil der Rippe entfernen - das alles wollte sie nicht. Verstört fuhr sie wieder in die andere Klinik. Das Ergebnis dort: Eine Fraktur der 5. Rippe. Ursache unbekannt. Neueste Untersuchungen haben nun ergeben, dass in beiden Füßen, Knien und Händen sowie in der linken Hüfte und im linken Ellenbogen Knochenveränderungen vorhanden sind. Was es genau ist, das konnte Sabine F. bis heute nie-mand sagen. Ihr Gefühl sagt ihr jedoch, dass es mit dem Krebs nichts zu tun hat, son-dern mit ihrem damaligen Unfall.
Seit der Eierstockentfernung erhält sie eine Anti-Hormon-Therapie. Sie hat sich aufgrund einer bei ihr auftretenden besseren Verträglichkeit gegen eine Therapie mit Tamoxifen und für einen Aromatasehemmer entschieden.
Sabine F. weiß: Ihr Leben wird aufregend, Nerven zerreißend und hin und wieder auch ruhig sein. Aber es wird weiter gehen!