Dass sich in ihrem Körper einmal ein Tumor entwickeln würde, war ziemlich wahrscheinlich. All ihre Verwandten väterlicherseits waren an Magen- oder Darmkrebs gestorben. Ihr Vater starb mit 69 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Bedingt durch die familiäre Vorgeschichte wurde Sieglinde T. vorsorglich in regelmäßigen Abständen untersucht und hoffte immer, dass sie nicht auch eines Tages zu den Betroffenen gehören würde.
Sie war gerade 45 Jahre, ihre drei Kinder, die sie alleine großgezogen hatte, waren erwachsen. Nun wollte sie anfangen, selbst zu leben. Doch dann kam alles ganz anders.
Zwei Monate nach einem Besuch beim Gynäkologen ertastete Sieglinde T. einen Knoten in der linken Brust. Damit brach eine Welt für sie zusammen und sie hatte keinen Zweifel daran, dass sie sehr bald sterben müsse. Allen Krebskranken, von denen sie bis dahin gehört hatte, war es so ergangen. Nach der Diagnoseerstellung meldete sie sämtliche Zeitungen und Kataloge ab - sie ging davon aus, dass sie diese nicht mehr benötigen würde. Dennoch war ihr Wunsch, alles zu tun, um am Leben zu bleiben genauso groß wie die Angst vorm Sterben. Schließlich hatte sie eine Familie und Kinder, die sie brauchten, auch wenn sie längst erwachsen waren.
Sie setzte durch, dass sie in die Klinik ihrer Wahl eingewiesen wurde und geriet dort bereits bei der Anmeldung an einen verständnisvollen Arzt und hilfsbereite Schwestern. Vor allem sei es auch ihnen zu verdanken, dass sie die Kraft zum Kämpfen gefunden habe, sagt Sieglinde T. heute. Aus emotionalen Gründen kam für sie eine Brust erhaltende Operation nicht in Frage. Sie wollte auf Sicherheit gehen. „Ohne Brust kann ich leben, ohne Leben nicht." Der Arzt hatte sich mehrmals und ausführlich mit ihr unterhalten und zuletzt ihrem Wunsch gegen eine Brust erhaltende Operation zugestimmt. Er war es auch, der sie davon überzeugte, dass die Entfernung des Wächterlymphknotens ausreichen könnte. Die OP und die körperliche Heilung verliefen weitgehend problemlos.
Auf den Rat einer Schwester begann sie nach zwei Tagen ihren linken Arm zu trainieren, mit dem Erfolg, dass er heute genauso beweglich ist wie der andere. Auf der Station fühlte sie sich sehr gut betreut und aufgehoben. Danach brach alles ab. Auf die Anfrage bei der Reha-Ärztin nach einer Nachbehandlung erhielt sie als Antwort, dies sei nicht nötig, und das, obwohl sie zwei positive Hormonrezeptorfaktoren hatte. Bei einer solchen Feststellung wird normalerweise eine Anti-Hormon-Therapie als Nachbehandlung empfohlen, denn sie bietet eine gute Möglichkeit, das Tumorwachstum zu unterbinden.
Nach der Reha suchte sie für die weitere Nachbehandlung auf eigene Faust eine onkologische Praxis auf. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie noch, allerdings wurden ihr sehr bald die Grenzen des Machbaren bewusst und sie wurde glücklicherweise berentet. Dieser Onkologe untersuchte sie von Kopf bis Fuß. Man fand eine verdächtige Stelle in der Lunge und sie bekam daraufhin eine Chemotherapie. Diese alle drei Wochen verabreichte Chemotherapie zehrte an ihren Kräften. Und dennoch begrüßte sie jeden Tropfen in ihrem Körper als Helfer gegen die Krebszellen. Mit den Nebenwirkungen konnte sie leben - schließlich ging es ums Überleben! Sie wollte diese Therapie, da ihr Bedürfnis nach Sicherheit nach wie vor groß war. Nach der Chemotherapie folgte die medikamentöse Anschlussbehandlung; seit einem Jahr erhält sie nun eine Anti-Hormon-Therapie mit einem Aromatasehemmer.
Der Austausch mit anderen betroffenen Frauen half ihr sehr. Während der ersten Nachsorgekur fanden sechs Frauen zusammen - eine "Kur-Selbsthilfegruppe". Diese Frauen haben sich gegenseitig geholfen und tun das bis heute, auch wenn sie leider nur noch fünf sind.
Diese Erfahrung ließen ihre anfängliche Abneigung gegen den Besuch einer Selbsthilfegruppe schwinden. Sieglinde T. suchte und fand Kontakt in einer Gruppe, die sie mittlerweile seit knapp zwei Jahren selbst leitet. Diese Gruppe gibt ihr enorm viel Kraft und es tut ihr gut, anderen Frauen mit ihren Erfahrungen helfen zu können.
Auch wenn die Krankheit an ihren Kräften zehrt - oft fühlt sie sich müde und schlapp - geht es ihr den Umständen entsprechend gut. Einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, daran ist nicht zu denken. Wichtig war für sie das Wiederfinden ihrer Lebenssicherheit, das Erlangen von Wissen jeglicher Art über die Krankheit sowie über ihren eigenen Zustand. Es hat lange gedauert, bis sie den Mut hatte, ihren ersten Onkologen zu verlassen, da er nicht bereit war, sie als denkendes, intelligentes und mitwirkendes Wesen zu betrachten. Mit ihrem zweiten und jetzigen Onkologen ist sie äußerst zufrieden, sie geht wieder gern in die Klinik - soweit man von gern sprechen kann. Sie ist wissbegierig, sucht neugierig nach Informationen und saugt alles auf. Das macht sie sicherer und damit insgesamt aktiver, denn sie ist der Auffassung: Wissen schafft Selbstbewusstsein.
Ganz allmählich hat sie sich für neue Hobbies interessiert, ist aktiv in ihrer Selbsthilfegruppe und empfindet nachbarschaftliche Hilfe sowie Freundschaften als wichtiges Gut. Alles jedoch in Maßen! Nicht zu vergessen ihre Kinder und ihre erst nach der Diagnose geborenen Enkelkinder, die sie brauchen. Ihre kleine Enkeltochter Sophie leidet an der vererbbaren, unheilbaren Krankheit Mukoviszidose. Schon deshalb brauchen Sophie und ihre Sieglinde T. besonders dringend. Auch ihr schon recht alter Hund darf nicht zu kurz kommen. Er hatte es vor ihrer gemeinsamen Zeit nicht gut, auch wenn er das hoffentlich mit den Jahren vergessen hat.
Abtreten kann sie also noch nicht - sie wird gebraucht und sie will gebraucht werden!